slowenische Literatur.

slowenische Literatur.
 
Die Freisinger Denkmäler (10.-11. Jahrhundert), eines der frühesten slawischen Sprachdenkmäler überhaupt, sind die ältesten Zeugnisse slowenischen Schrifttums, das jedoch in den folgenden Jahrhunderten keine Fortsetzung fand. Erst im späten 16. Jahrhundert wurde im Zuge der Reformation - in enger Verbindung mit dem deutschen Protestantismus - eine kontinuierliche Tradition eingeleitet. P. Trubar, die zentrale Persönlichkeit der slowenischen Reformationsbewegung, gab in Deutschland, wo er in der Emigration lebte, die ersten slowenischen Bücher heraus: Katechismus (1550/51), Abecedarium, Übersetzung des Neuen Testaments (ab 1557, Gesamtausgabe 1582). J. Dalmatin setzte sein Werk mit der ersten vollständigen Bibelübersetzung (1584) fort. Die erste, noch stark vom lateinischen Vorbild geprägte slowenische Grammatik (»Arcticae horulae«, 1584) stammt von A. Bohorič. Durch diese Werke wurden die Grundlagen zu einer slowenischen Schriftsprache gelegt, ohne dass jedoch schon eine weltliche Literatur entstehen konnte. Im Rahmen der Barockliteratur steht die auch von Abraham a Sancta Clara beeinflusste Predigtliteratur des Janez Svetokrižki (* 1647, ✝ 1714).
 
Die kirchliche Thematik dominierte bis ins späte 18. Jahrhundert. Erst um 1770 entstand mit dem Kreis um Baron Žiga Zois (* 1747, ✝ 1819) allmählich ein weltliches Schrifttum, das v. a. durch den Dramatiker Tomaž Linhart (* 1756, ✝ 1795) mit Komödien nach dem Vorbild von P. de Beaumarchais, die er meisterhaft dem heimischen Milieu anpasste, und durch den dem Volkslied nahe stehenden Lyriker V. Vodnik repräsentiert wurde. Ihren klassischen Höhepunkt erreichte die junge slowenische Literatur in der Romantik mit der formal vollendeten, gehaltvollen Lyrik F. Prešerens sowie durch seine kongenialen Nachdichtungen (u. a. G. A. Bürgers Ballade »Lenore«). Damit waren zugleich die Voraussetzungen für eine eigenständige slowenische Schriftsprache geschaffen worden, sodass das u. a. von S. Vraz vertretene Ziel des Illyrismus - eine gemeinsame Schriftsprache für Serben, Kroaten und Slowenen - von Letzteren nicht mehr mitgetragen wurde. Zwischen Romantik und Realismus entfaltete sich die slowenische Erzählprosa, vertreten v. a. durch F. Levstik, der eine Anlehnung an die deutsche und englische Literatur anregte und sich in zahlreichen philologischen Arbeiten um die Normierung der slowenischen Sprache bemühte, durch seinen Schüler J. Jurčič, den Schöpfer des ersten slowenischen Romans (»Deseti brat«, 1866), sowie durch den Erzähler und Lyriker S. Jenko und durch J. Stritar, der die slowenische Literatur auch durch kritische Arbeiten förderte. An deutschen und russischen Vorbildern waren die bäuerlichen und bürgerlich-liberalen Erzählthemen sowie die künstlerischen Verfahren des slowenischen Realismus ausgerichtet (Janko Kersnik, * 1852, ✝ 1897; A. Aškerc; I. Tavčar). Der Naturalismus war durch F. Govekar und Zofka Kveder (* 1878, ✝ 1926) vertreten.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand unter dem Einfluss der westeuropäischen Literaturen die »Moderne«, geprägt durch die Lyriker Dragotin Kette (* 1876, ✝ 1899), J. Murn und v. a. O. Župančič, der neben Prešeren als bedeutendster slowenischer Lyriker gilt, sowie durch I. Cankar, dessen vielseitiges Werk die ersten beiden Jahrzehnte bestimmte. Als Erzähler und Dramatiker christlich-sozialer Ausrichtung ist F. S. Finžgar, daneben auch Franc Ksaver Meško (* 1874, ✝ 1964) zu nennen.
 
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und dem Anschluss Sloweniens an Jugoslawien (1918) ist durch den Expressionismus geprägt, v. a. Ivan Pregelj (* 1883, ✝ 1960), T. Seliškar, Á Vodnik, Miran Jarc (* 1900, ✝ 1942), E. Kocbek, S. Kosovel und der Erzähler und Dramatiker Slavko Grum (* 1901, ✝ 1949). In den 30er- und 40er-Jahren dominierte die sozial engagierte Literatur der neorealistischen Erzähler France Bevk (* 1890, ✝ 1970), Juš Kozak (* 1892, ✝ 1964), A. Ingolič, M. Kranjec, Prežihov Voranc, C. Kosmač und Ivan Potrč (* 1913), die dieser Orientierung auch in den 50er-Jahren folgten. Als Lyriker trat B. Vodušek, als Dramatiker B. Kreft hervor. Als bedeutende Leistung der slowenischen Literatur der Zwischenkriegszeit gilt die meditative Lyrik A. Gradniks.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die slowenische Literatur kurzzeitig unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus, der jedoch nach dem 3. jugoslawischen Schriftstellerkongress in Ljubljana (1952), auf dem der einflussreiche M. Krleža für den Vorrang der Kunst gegenüber jeglicher Ideologie eintrat, überwunden werden konnte. Die weiterhin vorherrschende Kriegs- und Partisanenthematik wurde nun um neue Aspekte wie die Problematik des Menschen als Opfer der Revolution (Kocbek, »Strah in pogum«, 1951) erweitert. Auch in der Lyrik traten allgemein menschliche Fragen sowie Fragen nach der künstlerischen Freiheit in den Vordergrund; die Intimsphäre (Intimismus) behandelt v. a. die Lyrik von Ivan Minatti (* 1924), Kajetan Kovič (* 1931), Janez Menart (* 1929), Tone Pavček (* 1928), Gregor Strniša (* 1930, ✝ 1987) und Lojze Krakar (* 1926). Als bedeutendste Lyriker der Gegenwart gelten D. Zajc und C. Zlobec. In der Prosa setzten die Autoren der Zwischenkriegszeit sowie P. Zidar den sozial ausgerichteten und psychologisch verfeinerten Realismus fort. Probleme der Slowenen im Triester Raum behandelt die intellektuell-reflexive Erzählprosa Alojz Rebulas (* 1924). Neue Erzählverfahren entwickelten Vitomil Zupan (* 1914, ✝ 1987), Andrej Hieng (* 1925), Beno Zupančič (* 1925, ✝ 1980), Branko Hofman (* 1929) und Marjan Rožanc (* 1930). In der Dramatik trat Primož Kozak (* 1929, ✝ 1981) mit existenzialistischen Dramen, Dominik Smole (* 1929, ✝ 1992) mit absurden Stücken hervor.
 
Innovative poetologische Ansätze zeigten sich auch in den 60er- und 70er-Jahren, insbesondere in der »konkreten Poesie« von Denis Poniž (* 1948), T. Šalamun, Kovič Kajetan Zagoričnik (* 1931) und Franci Zagoričnik (* 1933) sowie in der modernistischen Lyrik von Niko Grafenauer (* 1940). Vielfältige und interessante Bezüge zum modernen europäischen Roman findet die slowenische Gegenwartsprosa mit R. Šeligo, Jože Snoj (* 1934) und dem Kärntner Slowenen F. Lipuš, der sich in seiner satirisch-grotesken Prosa mit der nationalen Existenz der ethnischen Minderheit auseinander setzt. Als Lyriker aus dem Kärntner Raum ist G. Januš, als Erzähler und Publizist Janko Messner (* 1921) zu nennen. Ein Meister des Aphorismus ist Ž. Petan. Um eine Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit bemüht sich Igor Torkar (eigentlich Boris Fakin, * 1913). So zeigt sich in der slowenischen Literatur ein äußerst vielfältiges Schaffensspektrum, in das sich die jüngste Generation mit Svetlana Makarović (* 1939), Ivan Feo Volarič (* 1948), Matjaž Hanžek (* 1949), Milan Jesih (* 1950) und Jure Detela (* 1951) einfügt. Neben der traditionell hoch stehenden Lyrik, die die gesamteuropäischen Tendenzen widerspiegelt, gewinnt auch die Prosa weiter an Umfang und Bedeutung. Sie reicht vom extremen Experiment bis zum konkreten Erzählen, geht von der ruralen zur urbanen Problematik über und versteht es, immer wieder neue Nuancen der slowenischen Sprache zu nutzen. Beachtlich ist auch das Niveau des Bühnenschaffens, in dem sich neben Autoren wie Hieng, Smole, Strniša und Zajc auch Dušan Jovanović und der Erzähler Drago Jančar (* 1948) einen Namen gemacht haben.
 
 
Zgodovina slovenskega slovstva, hg. v. L. Legiša, 7 Bde. (Ljubljana 1956-71);
 A. Slodnjak: Gesch. der s. L. (1958);
 J. Pogačnik: Von der Dekoration zur Narration. Zur Entstehungsgesch. der s. L. (1977);
 J. Pogačnik: Twentieth century Slovene literature (Ljubljana 1989);
 V. Obid: Die s. L. in Kärnten seit 1945 (Klagenfurt 1979);
 
Slovenska književnost. Leksikon Cankareve založbe, hg. v. J. Kos u. a. (Ljubljana 1982);
 J. Kos: Primerjalna zgodovina slovenske literature (ebd. 1987);
 
Die s. L. in Kärnten. Ein Lex. Beitrr. v. M. Kmecl u. a. (Klagenfurt 1991);
 F. Bernik: S. L. im europ. Kontext (1993);
 
Wege der Selbstbehauptung. Die neue S. L., hg. v. L. Detala u. a. (Wien 21993);
 A. Leben: Vereinnahmt u. ausgegrenzt. Die s. L. in Kärnten (Klagenfurt 1994);
 
Kulturelle Wechselseitigkeit in Mitteleuropa. Dt. u. s. L. im slowen. Raum vom Anfang des 19. Jh. bis zum 2. Weltkrieg, hg. v. F. J. Bister u. P. Vodopivec (Ljubljana 1995).

Universal-Lexikon. 2012.

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